Appropriating Language #17, LINE AND DOT by Sophia Pompéry and Tobias Roth

Sophia Pompéry und Tobias Roth

Linie und Punkt

02.09.2016 – 15.10.2016

Vernissage: 02.09.2016, 19:00 Uhr

Linie und Punkt bilden die Basis der Schrift – hier bilden sie die Basis zweier radikaler, experimenteller Aneignungen des Schriftzeichens. In ihren beiden Und Punkt und Häuserzeilen. 1600 Meter Monostichon lotet Sophia Pompéry Extreme der Größenordnung aus. Und Punkt versammelt die letzten Punkte aus Liebesromanen von 1774 bis 2008 in mikroskopischen Nahaufnahmen und lädt zur Konzentration im Detail ein – Häuserzeilen hingegen, ein Gemeinschaftswerk mit dem Autor Tobias Roth, lädt ein zu Flanerie und Entfaltung im Raum. Ein Gedicht Roths über Moabit wurde mit Schlemmkreide auf 1600 Metern auf die Straßen Moabit geschrieben: Die Wahrnehmung des Alltags und des Lebensraums ist Thema des Textes, aber auch genau der Punkt, auf den das Erlebnis der Linie einwirkt.

Wie haben sich diese Gestalten, diese Extrempunkte der Typographie und Kalligraphie, verändert, wenn sie letzten Endes wieder in ein Buch, in eine Galerie zurückkehren? Beide Werke und ihre zugehörigen Dokumentationen als Buch oder Video sind ab dem 2. September 2016 in der Galerie Manière Noire in Berlin/Moabit zu sehen.

 

(English version)

The line and the dot, these ancient characters of script, become cues for two radical and experimental artworks exhibited during Appropriating Language #17, in Manière Noire. With both pieces: Und Punkt as well as Häuserzeilen. 1600 Meter Monostichon, Sophia Pompéry examines the visual form of writing, given extreme amplifications.

Und Punkt is a collection of microscopically photographed full stops that mark the end of the last sentence in novels about love, in a time frame from 1774 to 2008. This is an invitation to the viewer, to individually contemplate on detail at a standstill. Whereas Häuserzeilen. 1600 Meter Monostichon, a collaboration with the author Tobias Roth, invites the viewer for a stroll, in order to go through distances in urban space. A poem of Roth about the quarter of Moabit was recently executed on its streets (spanning over 1600 meters) by means of a huge brush and a mixture of water and chalk. The perception of everyday life and space was the theme of the poem, which, transferred outdoors, stimulated the public to experience the line (the poem) by walking.

How do these, brought to extreme, forms of typography and calligraphy change, when they return indoor, back to the book and frames? Photographs, printed matter, a poem and a film are on display at Manière Noire in Berlin/Moabit. Starting the 2nd of September 2016, the exhibition lasts until 15th of October.

 

Und Punkt

Gesammelte Schlusspunkte von Sophia Pompéry

Ein Essay von Tobias Roth

Erschienen im Signaturen Magazin, Forum für zeitgenössische Poesie, Dezember 2013

Im Anfang ist es strittig, am Ende steht ein Punkt. Die Ordnung wird gestört, die Ordnung wird wieder hergestellt, am Ende der Komödie steht ein Punkt. Alles kocht unter der Aufwallung, zerfasert in Probleme, findet vielleicht seine Erfüllung, und was auch kommen mag, am Ende der Liebesgeschichte steht ein Punkt. Er hat den Anschein einer fraglosen Angelegenheit, dieser letzte Punkt, aber sollten sich tatsächlich keine Fragen an ihn stellen lassen, wäre er so stumm wie sonst kein Zeichen und kein Weißraum in einem Text – und dass ist nicht der Fall. Das letzte punctum, wörtlich: der letzte Einstich, in einem Schriftstück ist nicht von jener abstrakten Leere voll wie sein Namensvetter, der geometrische Punkt, denn in ihm zieht sich die Individualität des gesamten vorangegangenen Ablaufs zusammen. Und dass er auch selbst eine nicht zu unterschätzende, aber leicht zu übersehende Individualität besitzt, darauf macht ein Buch der Berliner Künstlerin Sophia Pompéry mit sinnlichem Nachdruck aufmerksam. Ein Text zum Ende des Jahres also über letzte Punkte, über das Bewusstsein des Schauers, den das Abgeschlossene der punktierten Schrift dem unabschließbaren Schreibenden einflößen kann. [...]

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