20 Mar 2015 - 17 Apr 2015

Economic Words / Mein Kapital

Anke Becker

Appropriating Language #4

„Es war mir gestattet, durch Felder und Glashäuser zu streichen”: Ein Satz, den man nicht ohne weiteres in den Finanznachrichten erwartet. Wie kommt er dahin? Seit 2012 arbeitet die Berliner Künstlerin Anke Becker mit der englischsprachigen Financial Times. 2012 ist das Jahr, in der die deutschsprachige Ausgabe der Zeitung eingestellt wurde; fünf Jahre zuvor setzte die als Finanzkrise verniedlichte Weltwirtschaftskrise ein. Anke Becker vermeidet das Naheliegende, zu sagen, das, was ohnehin die meisten wissen oder ahnen – sie verwendet die ökonomischen Verlautbarungen und destilliert aus ihnen sparsame, knappe Wörter mit Tragweite. Becker greift sich einen Textabschnitt und geht ihm mit Edding zu Leibe. Dieses graphische Remixverfahren führt zu Aussagen wie: „Um uns stob der Schnee. Wir gingen nordwärts in einen fernen Traum.“ Oder: „Für die Wahrheit gibt es eine Grenze.“* Dabei scheint hinter Becker dunklen Ausstreichungen der Urtext des Artikels sogar noch durch – man mache den Test, ob auch in diesem Fall das Verdunkelte das Interessante ist.

Mit ihrem Ansatz, den Text als etwas nicht Fixiertes zu betrachten, begibt sich Becker in die Nachbarschaft von Künstlern wie William S. Burroughs und seinen Cut-ups, Kathy Ackers literarischen Collagen oder Herta Müllers Personifikation des Hungerengels in Die Atemschaukel – eine Figur, die sich als ihr eigener Dieb betrachtet, der die Worte aus dem Nichts kommen und sie einfangen. Beckers Ausstellung ist die vierte in der Reihe Appropiating Language bei Manière Noire: Sie untersucht auf spielerische Weise die An- und Abwesenheit von Sprache, die Interaktion zwischen Sprechenden, der an sich bereits ein utopisches Element innewohnt.

In ihrer zweiten, neueren Serie widmet sich Becker einem der Klassiker der politisch-ökonomischem Theorie: Karl Marx’ Das Kapital. Sie nimmt den Buchkörper buchstäblich auseinander, löst die Seiten aus ihrer Bindung und zeichnet über den Text gerade noch transparente Münzen, Kleingeld über dem großen Entwurf. In diesem Fall wird der Originaltext praktisch unlesbar. Becker greift zu einem Werk, von dem jeder einmal gehört hat, ohne es gleich gelesen zu haben, und benutzt es als Basis geometrisch-grafischer Fantasie. Diese Arbeit ist Spurensuche: Beim Öffnen einer der Kapital-Editionen entdeckte Becker, dass der äußere Buchrücken auf einer Ausgabe des aus Prag stammenden Schriftstellers und Sozialisten F.C. Weiskopf beruht. 1953 übersiedelte er mit seiner Ehefrau Alex Wedding nach Berlin (Ost) vor dem Hintergrund der stalinistischen Schauprozesse in der Tschechoslowakei 1951/52. Eine Zusatzinformation, die jedoch das Spannungsfeld umreißt, in der sich Anke Becker mit ihren Arbeiten bewegt.

 

Robert Mießner

 

Link zum Text von Ralph Hartmann