17 Jan 2015

It all started a 17th of a January, one million years ago...

Pierre Granoux

Appropriating Language #2

Wer eine Flasche Bier ausgetrunken hat, sagt für gewöhnlich: Sie ist leer. Aber ist sie es
wirklich? Befindet sich tatsächlich nichts mehr in ihr? Dies ist eine der Fragen, die der
französische Fluxus-Künstler Robert Filliou (1926-1987) in seinem 1963 veröffentlichten
Langgedicht „Whispered Art History“ stellt. Der Buddhist Filliou dürfte davon ausgegangen
sein, dass Kunst, Weltaneignung, mit einer Verunsicherung beginnt. Die Welt, die er in seinem
Gedicht entwirft, beruht auf einer kühnen Volte. Filliou nahm den Tag seiner eigenen Geburt,
den 17. Januar, deklarierte ihn kurzerhand zum Geburtstag der Kunst und verlegte ihn auf
1.000.000 Jahre vor 1963.„Whispered Art History“ erschien in Kopenhagen auf Vinyl und
Filliou begründete eine bis heute jährlich am 17. Januar weltweit praktizierte Tradition: den
Art’s Birthday, einen Aktionstag, der die alltägliche Präsenz der Kunst feiert. Wie sich Filliou
das vorstellte, konnte 1973 in Aachen erlebt werden. Die Stadt stand nicht etwa still, sondern
befand sich in einem fröhlichen Ausnahmezustand. Die Aachener blieben ihren Büros, Fabriken
und Schulen fern. Stattdessen gab es Kurzweil mit Langzeitwirkung: Bälle, Orchester,
Feuerwerk, das alles im öffentlichen Raum. Filliou verstand die Kunst ausdrücklich als nicht
exklusiv; er sprach von einer „Fête Permanente“, einer immerwährenden Feier.

Am 17. Januar 2015 wird der französische Berliner Pierre Granoux der Kunst zu ihrem
1.000.052. Geburtstag in der wiedereröffneten Moabiter Galerie Manière Noire sein eigenes
Geburtstagsständchen bringen. Granoux’ Exponate sind: 12 schwarze Tafeln mit Fillious
Gedicht, geschrieben in HTML-Code („WHISPERED ARTIST STORY“, 2013, in Zusammenarbeit
mit Sven Lindhorst–Emme). Filliou und sein Compagnon George Brecht prägten den Begriff
„Eternal Network“; Granoux sieht darin deutliche Parallelen zum Internet, dass, benutzt man
es bewusst, Techniken wie Mail–Art erleichtert und beschleunigt.
Dann wird Granoux in den Eingangsbereich der Galerie eine weiße Rolle mit dem Text
platzieren. Dass sie an eine minimalistische Tora gemahnt, ist vom Künstler ausdrücklich
gewollt.

An eine schräg gegenüberliegende Wand hängt er eine seiner älteren Arbeiten, „AUJOURD’HUI
C’EST MON ANNIVERSAIRE“ (1999–2015), nach dem letzten, unvollendeten Stück des
polnischen absurden Theaterregisseurs Tadeusz Kantor (1915–1990), „Dzisiaj są moje
urodziny“. Kantor, der bei den Proben unerwartet starb, hatte die deutsche Besatzung überlebt
und sagte, er sei ein zweites Mal geboren worden. Granoux’ Arbeit, ein Atelierfoto aus Glas, ist
als Kommentar zu Endzeitängsten gedacht und karikiert gleichzeitig Künstlerklischees.
In die Ausstellung sind noch zwei Schriftobjekte eingebaut: „MORE“ (2015), einmal in Rot,
einmal in Grün, korrespondieren sie mit den HTML-Tafeln. Das „Mehr“, das der Betrachter
sucht, entsteht aus der Konfrontation mit dem Leerstellen im Raum.
„Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst“, meinte Robert Filliou.

Robert Mießner

 

 

1.whispered:

it all started a 17th of January, one million years ago.

a man took a dry sponge and dropped it into a bucket full of water.

who that man was is not important.

he is dead but art is alive.

I mean, let's keep names out of this.

as I was saying, at about 10 o'clock, a 17th of January, one million

years ago, a man sat alone by the side of a running

stream.

he thought to himself:

where do streams run to, and why?

meaning why do they run.

or why do they run where they run.

that sort of thing.

personally, once I observed a baker at work.

than a blacksmith and a shoemaker.

at work.

and I noticed that the use of water was essential to their work.

but perhaps what I have noticed is not important.

 

normal voice:

anyway the 17th goes into the 18th

then the 19th then the 20th

the 21st the 22nd the 23rd the 24th the 25th the 26th the 27th

the 28th the 29th the 30 the 31st of January.

thus time goes by.

 

*as registered on twelve 3-minute records for jukebox,

Knud Pedersen, Kunstbiblioteket, Editor, Copenhaguen, 1963

Photo credits © Lukas Heibges