22 Apr 2016 - 31 May 2016

State of Mind

Daniel Knorr

Appropriating Language #15

En

Manière Noire cordially invites you to the opening of the exhibition State of Mind, by Daniel Knorr, on April 22nd, 2016 at 7 pm. The show is part 15 of the ongoing series, Appropriating Language.
    The work of Daniel Knorr presented by the gallery consists of two parts. The first part, consisting of documents that were destroyed by the Stasi, is on view in the gallery. The papers were destroyed in the last weeks before the re-unification of the GDR and FRG, of East and West Germany – shredded, crushed, and blended with water and oil, through converted farm machinery.
    From secret documents and microfilms that underwent this process, cellulose clumps were formed, in whose coloured mass of gray, pale blue and pink, only a few letters are recognizable.
    The second part, is installed in The Stasi Museum  “Runde Ecke” in Leipzig. Thereby, the object that the artist has exchanged for the document hunks, is exposed. The exchange object is a model the T-54 Soviet tank at the scale of 1:50 on a pedestal.
On the canon of the tank, hanging on a lace, there are preserved secret documents of original size. Among that, a leaflet is enclosed, written by three schoolgirls from Frankfurt Oder in 1968, to inform the East German population about the invasion of Prague by troops of the Warsaw Pact.
    Knorr’s work is to be read as a  historical point, in which the “Mind” of a state is deleted as bio-political surveillance and materialized as a creative element.
The Stasi “Stone Documents”, point out furthermore, the aspect of repetition of obscure political acts in history, and encourage us today to be more vigilant in dealings with government bodies.
 
Image: State of Mind © Daniel Knorr, courtesy The Art Collection of Erste Group and ERSTE Foundation
The exhibition was friendly supported by ERSTE Foundation and Künstlerhaus Bethanien
Media partner Bpigs

De

    Maniere Noire lädt Sie herzlich zur Eröffnung der Ausstellung „State of Mind” von Daniel Knorr am 22 April 2016 um 19:00 Uhr ein. Die Schau ist der 15. Teil der fortlaufenden Serie „Appropriating Language”.
    Daniel Knorrs gezeigte Arbeit besteht aus zwei Teilen. In der Galerie ist der erste Teil zu sehen, der aus zerstörten Dokumenten durch die STASI besteht. Die Unterlagen wurden in den letzten Wochen vor der Vereinigung von DDR und BRD, von Ost- und Westdeutschland durch umgebaute Landwirtschaftsmaschinen zerschreddert, zermahlen und mit Wasser und Öl vermengt. Aus Geheimpapieren und Mikrofilmen entstanden durch diesen Prozess Zellulose-Klumpen, in deren grau-hellblau-rosa Masse wenige, einzelne Buchstaben zu erkennen sind. Der zweite Teil ist im Stasi Museum „Runde Ecke” in Leipzig installiert. Dabei handelt es sich um das Objekt, das der Künstler gegen die Dokumentenbrocken eingetauscht hat. Das Tauschobjekt ist ein Modell des sowjetischen T54–Panzers im Maßstab 50:1 auf einem Sockel. An der Kanone des Panzers hängen an einer Schnur erhaltene Geheimdokumente in Originalgröße. Darunter findet sich ein Flugblatt, das von drei Schülerinnen in Frankfurt Oder 1968 verfasst wurde, um die ostdeutsche Bevölkerung über die Invasion in Prag durch die Truppen des Warschauer Paktes zu informieren.
     Knorrs Arbeit ist als geschichtlicher Punkt zu lesen, in dem das „Gehirn” eines Staates als biopolitische Ausspähung gelöscht und als gestalterisches Element materialisiert wird. Die Stasi-„Dokumentensteine” verdeutlichen darüber hinaus den Aspekt der Wiederholung undurchsichtiger politischer Handlungen in der Geschichte und ermutigen uns heute wachsamer zu sein im Umgang mit Staatsorganen.
 

Raimar Stange, Daniel Knorr – State of Mind, 2007, in: Sammlungspublikation Kontakt, hrsg. Kontakt. Die Kunstsammlung der Erste Group und ERSTE Stiftung, Wien; erscheint im Frühjahr 2016.
A Stone is not a Stone is not a Stone
 
Fünf Fragmente über Daniel Knorrs Skulptur „State of Mind“ (2007)
 
I.
Auf dem ersten Blick liegen da nichts als Steine auf einem weißen Podest. Ein wenig erinnert dieses Ensemble an eine Präsentation aus einem archäologischen Museum, doch der Blick auf das Titelschild macht dann stutzig, liest man doch dort unter dem Titel „State of Mind“ (2007) akkurat aufgelistet: „Cellulite from destrayed secret documents of STASI, 17 big hunks, 9 small hunks, cellulosedust“, dazu die jeweiligen Größenangaben. Aus zerschredderten geheimen STASI-Akten nämlich wurden diese Steine gefertigt, aus Akten also mit denen die gefürchtete „Staatssicherheit“ der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik das politische Bewußtsein, den „state of mind“ ihrer Bürger/Innen dokumentieren und archivieren wollte. Solche Akten entschieden nicht nur z. B. über die Karrierechance eines in dem totalitären System der DDR lebenden Menschen, sondern im Extremfall auch über Leben und Tod. So handelt es sich bei dieser Skulptur des rumänischen Künstlers Daniel Knorr gewissermaßen um ein „trojanisches Pferd“, um eine Skulptur die trotz ihrer scheinbar harmlosen, wie gesagt. archäologischen Anmutung, dann doch überaus politische Inhalte in sich birgt..
II.
Destruktion und anschließende Transformation also sind die beiden gestalterischen Prozesse, die der Skulptur „State of Mind“ ihre Form geben: So werden die zerschredderten Akten von Daniel Knorr genutzt um ein Kunstwerk zu schaffen, das zunächst die in ihr innewohnende Brisanz verschweigt, dann aber, wir werden es später sehen, sogar noch zusätzliche Brisanz entwickelt zu der oben beschriebenen. Diese artistische Strategie des quasi Ab- und Aufbaus ist durchaus typisch für die Arbeit des Künstlers. So hat Knorr für die 5. Berlin Biennale 2008 die Installation „Nationalgalerie“ (2008) konzipiert, die aus 58 an der Fassade der Berliner Neuen Nationalgalerie hängenden Fahnen besteht. Die Fahnen sind vom Künstler komponiert aus den Farben der Fahnen der in Berlin ansässigen Studentenverbindungen. Die auf den Fahnen sonst zu sehenden Symbole waren entfernt und auch die ursprüngliche Anordnung der Farben auf ihnen wurde zerstört. Stattdessen hat Knorr diese Farben in der Tradition der abstrakter Kunst seit der Avantgarde neu arrangiert und damit nicht zuletzt auf Werke der Sammlung der Neuen Nationalgalerie angespielt, etwa auf Barnett Newmans wichtiges Bild „Who's Afraid of Red, Yellow and Blue“ (1969/70). Auch der künstlerische Transformationsprozess der Installation „Nationalgalerie“ birgt ein ganzes Bündel von politischen Fragestellungen. So wird etwa das Wort „National“ in Namen der Neuen Nationalgalerie kritisch gegengelesen indem es einerseits mit dem Nationalitäten repräsentierenden Genre Flagge, andererseits mit den rechts-konservativen Studentenverbindungen in Verbindung gebracht wird. So wird hier kritisch nach der politischen Ausrichtung von (avantgardistischer) Kunst gefragt, bekanntlich haben z. B. Teile der russischen Avantgarde später den Stalinismus unterstützt. Und auch die Frage „Wer hat Angst vor Rot“ kann ja durchaus politisch verstanden werden. Einen ähnlichen, jetzt aber fiktiven Transformationsprozess beschreibt übrigens der chilenische Autor Roberto Bolano in seinem Buch „Die Naziliteratur in Amerika“ (1996): Ein gewisser „Willy Schürholz“ zeichnet da in die chilenischen Wüste mit Hilfe von Bulldozern einen gigantischen „Plan eines idealen Konzentrationslagers“. Aus der Luft betrachtet wird diese „unheilverkündende Abfolge schnurgerader Linie“ aber zu einem abstrakt-poetischen Bild, der Plan verwandelt sich nämlich „in ein graziles Spiel gewellter Linien“.  
Bereits 2005 gelang Knorr im rumänischen Pavillon auf der 51 Venedig Biennale sogar an die Stelle der Destruktion eine vollständige Dematerialisierung zu setzen. Der Pavillon blieb damals nämlich komplett leer, die Arbeit bestand zunächst nur aus ihrem Titel „European Influenza“ (2005). Dieser provozierende Titel sowie die das Publikum enttäusche Leere des Pavillons führten dann zu mehr oder weniger erregten Reaktionen von Kritikern und Publikum. Diese Rezeption, materialisiert z. B. in  Zeitschriften oder Internet-Blogs, transformiert die Dematerialisierung in bester Tradition der Konzept Art dann doch zu  einem konkreten, sprachlichen Werkkörper.   
III.
In der Kunstgeschichte ist die ästhetische Strategie von Destruktion und Transformation mit der Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Plan getreten. Die dadaistschen Collagen z. B. waren zusammengesetzt aus zunächst zerschnittenen oder zerbrochenen Alltagsmaterialien. Später setzte die „Situationistische Internationale“ und vor allem die Fluxus-Bewegung diese Tradition fort, man denke nur an die von Daniel Spoerri in seinen „Fallenbildern“ zerstörten Objekte wie Uhren oder Teller. Wichtig in dem Kontext von Destruktion und Transformation aber ist vor allem der deutsche Künstler Gustav Metzger, der in frühen 1960er Jahre die „sich selbst zerstörende Kunst“ erfand. Z. B. malte Gustav Metzger damals Bilder mit einer Farbe, die die Leinwand nach und nach zerstörte. Oder er brachte Kristalle zum Schmelzen, lies einen Lichtstrahl durch diese Schmelze schiessen, was dann zu abstrakten Lichteffekten führte. Übrigens: Der The Who-Gitarist Pete Townshend war von dem im Londoner Exil lebenden Künstler beeinflusst, hörte er doch dort Vorlesungen von ihm. Das legendäre Zerstören seiner Gitarre während eines Konzertes war letztlich eine Idee Gustav Metzgers.
 IV.
Nicht nur die zerschredderten STASI-Aktien birgen politisch Prekäres, auch die aus ihr entstandenen Steine sind,  Adam Szymcyk schreibt es in seinem Text „The High, the Low, and the Odd“ (2009), alles andere als ein bloßes Objekt. Szymcyk  schreibt nämlich über die Skulptur: „Presented on a pedestal, it could be a piece from the museum of resistance – one of the stones thrown at police during a demonstration“. Die Steine transformieren also ein weiteres Mal: War er zunächst nichts als eine Pressung vernichteter  STASI-Akten, die dann liegend auf einem Podest zu einem archäologisch  anmutenden Kunstwerk wurden, das sich daraufhin quasi als kritisches Archiv und Denkanstoss erwies. Zudem erscheinen die Steine jetzt als links-aktivistische Waffe, die im Straßenkampf gegen „Ordnungskräfte“ und Fensterscheiben z. B. eingesetzt werden. Die Steine bestzten so letztlich in „State of Mind“ destruktive Kräfte – der Prozess von Destruktion und Transformation wird gewissermaßen zum Loop. Gleichzeitig aber sind die Steine ja aus Pappmache, ihre Durchschlagkraft ist also äußerst gering, hat lediglich symbolischen Wert.
V.
Die besagte Diskrepanz von symbolischer und realer Kraft, die in Knorrs Werk immer wieder ausbalanciert wird, thematisiert auch die Beziehung von (autonomer) Kunst und (politischem) Aktivismus. Folgt man den Schriften des französischen Philosophen Jacques Ranciere, dann hat die Veränderung unserer Vorstellung vom Bild bereits eine politische Dimension. Andere Theoretiker sind da skeptischer, so schrieb Carl Einstein bereits in den 1930er Jahren in seinem Klassiker „Die Fabrikation der Fiktionen“ Rancieres Gedanken widersprechend: „Man hatte über vieldeutige Bilder das Sein vergessen und glaubte, der Wechsel einer Imagination bewirke die tatsächliche Verwandlung des Seins“. Die Skulptur „State of Mind“ steht gleichsam an der Schnittstelle von rein ästhetischer und dezidiert aktivistischer Auffassung: Knorrs Arbeit nutzt vieldeutige Bilder, um hinzuweisen auf Möglichkeiten des politischen Handelns. Im historischen Rückblick wird totalitäres Handeln bedacht, im Möglichkeitsraum des Machbaren aber erscheint das emanzipative Umgehen mit Politik wichtig, sei es auch nur in der Form des Werfens von Pappmache-Steinen.
 
Raimar Stange

Daniel Knorr was born in 1968 in Bukarest and lives in Berlin.
Solo exhibitions: La Pietra della Rinascita, GAMeC Bergamo, Veni Vidi Napoli, Galeria Fonti Napoli (2015), Lunarium, Galerie Nächst St. Stephan Wien (2014), Vulkanstr., Galeria Fonti Napoli, Depression Elevations, Kayne Griffin Corcoran Gallery Los Angeles (2013), Explosion, Kunsthalle Wien (2012), Limits of Jurisdiction, Färgfabriken Stockholm (2011), Led R Nanirok, Kunsthalle Basel, Awake Asleep, Museum of Modern Art Warsaw (2009), Scherben bringen Glück, Kunsthalle Fridericianum, Kassel (2008), European Influenza, Romanian Pavilion, 51. Venice Biennale (2005).
Group exhibitions: Die Zukunft Europas, Kunsthalle Zürich (2015), The way of the shovel, Museum of contemporary Art Chicago, Le Pont, Musee d´Art Moderne Marseille (2013), Reflecting Fashion, Museum für Moderne Kunst Wien (2012), The promises of the past, Centre Pompidou, Paris (2010), Manifesta 7, Rovereto; When things cast no shadow, 5. Berlin Biennale.